Die Grafen von Linden

Max Hummel

Vor 150 Jahren, im Jahr 1838, verkaufte der Fürst von Oettingen-Wallerstein sein Schloss Burgberg mit dem gesamten Besitztum an den Freiherrn Edmund von Linden. Damit war ein adeliges Geschlecht im heutigen Stadtgebiet aufgezogen, das sehr wohl der ausführlichen Würdigung wert ist.

Die Freiherrn von Linden kommen aus dem niederländischen Adel, Als erster Vertreter dieses Geschlechts ist ein Domherr zu Lüttich und Erzdekan der Ardennen im Jahre 1587 bezeugt. Ein Peter von Linden war der erste, der um 1650 aus den Niederlanden nach Deutschland kam. Seine Nachkommen gehörten im Kanton Neckar-Schwarzwald zur Reichsritterschaft, Johann Heinrich von Linden (+ 1796, Urenkel des oben genannten Peter von Linden) erlangte den Reichs-Freiherrnstand, welcher seinem Sohn 1808 von Württemberg bestätigt wurde.
Das Geschlecht hatte neben Burgberg auch Besitz in den Oberämtern Horb, Oberndorf, Sulz und Laupheim.
Als Wappenzeichen führten die Linden seit frühester Zeit ein Kreuz.

Edmund Heinrich von Linden, geboren 11. 1. 1798 in Wetziar, war Rittmeister im dritten Reiterregiment in Ulm und beendete später seine militä­rische Laufbahn als Königlich Württembergischer Generalmajor, Im Jahre 1844 wurde ihm durch päpstliche Verfügung vom 29.3. der Grafentitel verliehen („comes romanus"). 
Die Königlich-Württember­gische Genehmigung zur Führung dieses Titels erhielt er am 8. 6. 1846.

Am 13. 1. 1823 hatte Edmund von Linden eine Ulmerin, Clementine Schad von Mittelbiberach, geheiratet, die jedoch schon ein Jahr später starb. Zwei Jahre danach vermählte er sich mit der Freyin Wilhelmine Fuchs von Bimbach und Dornheim. Diese gebar ihm 5 Söhne.
Dieser Edmund von Linden, der das Schlossgut Burgberg 1838 erwarb, ist der Begründer der Burgberger Linie der Grafen von Linden.

Wie der ehemalige Schlossdiener Anton Heidler erzählte, habe Freiherr Edmund von Linden den vormals
bewaldeten Stettberg vollkommen kahl schlagen lassen.
Aus dem Erlös habe er den Kaufpreis für das Schlossgut mitbestreiten können.

Im Jahre 1843 löste die neue Gutsherrschaft das Wohnrecht des jeweiligen Geistlichen im Schloss ab. Um sich von jeder Bauschuldigkeit freisprechen zu lassen (Erlass vom 27. 2. 1844), zahlte der Schlossherr, der zugleich das Patronat über die selbständig gewordene Pfarrei (1822) innehatte, weitere 500 Gulden. Nun konnte im Jahre 1844 ein neues Pfarrhaus am Stettberg errichtet werden, unweit des Schul- und Rathauses, das schon 1839 erstellt worden war. Schließlich wurde 1852/53 nicht ohne Zutun des Patronatsherrn in unmittelbarer Nähe o. a. Gebäudes eine Kirche In Backsteingotik erbaut, die allerdings 1963 einem Neubau weichen musste. 

Im Jahre 1846 setzte Graf Edmund von Linden das Schloss Burgberg gründlich instand, welches stark „zerfallen" war: Aus dieser Zeit stammt auch das „Allianzwappen" (v. Linden und Fuchs-Bimbach) über dem Schlossportal.  

Seit 1849 bildete das Schloss Burgberg eine eigene Teilgemeinde und wurde erst 1927 mit der bürger­lichen Gemeinde vereinigt. 

Graf Edmund von Linden starb am 28. 3. 1865 auf Schloss Burgberg und wurde als erster im „Lindenhain" auf dem Friedhof des Ortes beigesetzt. Da er im Militärdienst war, ist sein Grabkreuz mit Schild und Schwert behangen.


                                                              Lindengräber

Karl Graf von Linden
Gründer des Lindenmuseums

Graf Karl von Linden, Dr. phil. h. c., einer der fünf Söhne des Grafen Edmund, hat sich im Lande Württemberg bleibende Verdienste erworben: Nach ihm ist das Linden­museum benannt, eine reichhaltige völkerkundliche Sammlung in Stuttgart.

Graf Karl Heinrich von Linden ist am 28. Mai 1838 in Ulm geboren, in dem Jahr, in welchem sein Vater das Gut Burgberg erwarb. Auf diesem Schloss wuchs er heran und absolvierte das Gymnasium in Ulm. Anschließend studierte er in Tübingen Rechtswis­senschaft und Volkswirtschaft. Graf Karl trat in den württember­gischen Staatsdienst ein und wurde schließlich Hofmarschall und Oberkammerherr des württember­gischen Königs.

Am 8. Mai 1877 vermählte er sich mit Marie Beck, der bürgerlichen Tochter des Gutsbesitzers Eduard Beck. Marie war am 26. 6. 1847 in New-York geboren.



Graf Karl war bei den Bewohnern von Burgberg ein hochgeachteter und beliebter Schlossherr. Seine Freige­bigkeit zeigte sich darin, dass er schon zu Lebzeiten der Gemeinde testamen­tarisch 30 000 Mark vermachte. Anlässlich seines 70. Geburtstages ließ er den Armen des Dorfes 10 000 Mark testamentarisch verschreiben. Während der Sommeraufenthalte der Herrschaft wurden auf Schloss Burgberg Kinderteste abgehalten. Großes Vertrauen der gräflichen Familie genoss Lehrer Kaspar Fischer, welcher sich als Gutsverwalter sehr verdient gemacht hat. Dieser tätigte mehrere Grundstückskäufe für das herrschaftliche Gut, die vom damaligen Schultheiß Danzer beurkundet wurden. Da Fischer auch die Abgaben an die Herrschaft einzuziehen hatte und viele Bewohner denselben Namen trugen, habe er mehrere Hausnamenerfunden, die heute noch im Gebrauch sind. Später war die Landwirtschaft des Schlossgutes verpachtet.

Noch nicht ganz 50 Jahre alt war Graf Karl von Linden, als er 1886 in Pension ging. Schon ein Jahr zuvor war er dem Württembergischen Verein für Handelsgeographie (gegründet 1882) beigetreten. 1887 wurde er Ausschussmitglied und schließlich (1889) zum Vorsitzenden gewählt. Bis zu seinem Tod am 15. Januar 1910 führte er den Verein. Er verstand es hervorragend, bewährte Mitarbeiter mit wichtigen Aufgaben zu betrauen und gewann zahlreiche neue Mitglieder und Freunde. So hatte sich 6 Jahre nach seinem Amtsantritt die Zahl der Mitglieder verdreifacht. Der Graf hat während seiner 21jährigen Amtszeit als Vorsitzender 492 Vorträge mit 327 verschiedenen Rednern organisiert, und es gab wohl keinen bedeutenden Wissenschaftler der Erd- und Völkerkunde der damaligen Zeit, der nicht auch in Stuttgart gesprochen hätte. Das gastliche Haus des Grafen war damals einer der Mittelpunkte des geistigen Lebens der Landes­hauptstadt. Auch das Königshaus selbst zählte sich zu den Besuchern und Förderern der Veranstaltungen.

Die entscheidende Leistung des Ver­eins unter der Leitung des Grafen war der Aufbau des Museums für Völker- und Länderkunde, das am 28. Mai 1911 am Hegelplatz in Anwesenheit des Königs eröffnet wurde und als „Lindenmuseum" Weltruf erlangt hat, Mit Leidenschaft und Umsicht, nicht zuletzt mit Sach- und Fachwissen sammelte der Graf. Immer wieder schrieb er Briefe an Landeskinder in den Kolonien und in aller Welt, an Kaufleute, Seefahrer, Verwaltungs­beamte, Soldaten und Missionare und bat sie, für sein Museum Sammlungen zur Verfügung zu stellen, Bis zu seinem Tod zählte man rund 63000 Objekte. Die Losung des großen Eiferers war, „alles mögliche vor der Invasion der Weißen in allen Erdteilen zu retten und zu bergen, ehe es vernichtet ist Infolge der Überschwemmung durch die weiße Rasse", „ehe alle schöpferische Eigenart der Völker durch Überfremdung verloren geht".

Einiges von seinem verfügbaren Vermögen hat Graf von Linden in sein Werk investiert. Dabei zeigte er viel Mut, Fachkenntnis und Fleiß. Seine Gemahlin, Gräfin Marie von Linden, unterstützte ihn immer und überall. Er starb wenige Tage nach der Grundsteinlegung, am 15. Januar 1910. Die Eröffnung des Museums am 28. Mai 1911 in Anwesenheit König Wilhelms II., die Krönung seines Lebenswerkes, konnte der leutselige, liebenswürdige, stets freundliche und in allen Schichten der Bevölkerung geschätzte Graf nicht mehr erleben. Schlicht und einfach sind die Grabin­schriften am Sockel des Marmor­kreuzes auf dem Friedhof in Burgberg:

„Karl Graf von Linden geboren 28. Mai 1838 gestorben 15. Januar 1910"
„Die treue Gattin Marie Gräfin von Linden geborene Beck 26. Juni 1847
gestorben 17. Oktober 1914 Rest at last Betet für uns"

Am 15. Oktober 1973 ging das Lindenmuseum in die Obhut und Verantwortung des Landes Baden-Württemberg über.

Die mehr als 120 000 Einzelstücke zählende Sammlung, die in sechs Ab­teilungen auf 4 200 Quadratmetern in reizvoller Darstellung ausgebreitet ist, bedeutet für den Besucher eine Expedition durch die Menschheitsgeschichte von der Steinzeit bis zur städtischen Zivilisation. Sie ist zugleich eine interes­sante Weltreise durch alle Kontinente.


Das sog. Allianzwappen der Geschlechter von Linden und von Bimbach über dem Schlossportal

Eine Frau setzt sich durch:
Professorin Dr. Maria Gräfin von Linden
 

Gräfin Maria wurde am 18. Juli 1869 auf Schloss Burgberg geboren und verbrachte hier ihre Kinder- und Jugendzeit. Sie war ein heiteres Mädchen und liebte den Umgang mit ihren Katzen. Von Puppen hielt sie nicht viel. Schon früh sammelte sie Versteinerungen und beobachtete mit Vorliebe allerlei Kleingetier. Mit den Kindern des Dorfes, mit denen sie gerne spielte, fühlte sie sich mehr verbunden als mit ihresgleichen. Sie wäre wohl lieber ein Bub gewesen, denn sie gab sich betont männlich und wurde eine leidenschaftliche Reiterin. Dies alles hinderte die Eltern nicht, ihr eine standesgemäße Erziehung zukommen zu lassen. Zunächst besuchte sie die dörfliche Schule und verbrachte dann einige Jahre im Großherzoglichen Viktoria-Pensionat in Karlsruhe. Vorzügliche Lehrkräfte förderten dort ihre außer­gewöhnliche Begabung. Hier erwachte in ihr der Wunsch, zu studieren.

In ihrem Großonkel, dem württembergischen Staatsminister Freiherr Josef von Linden, fand die junge Gräfin einen Vertrauten und Helfer.
Dieser erreichte auch für die schon 22jährige am 28. Juni 1891 die Zulas­sung zur Reifeprüfung am Stuttgarter Realgymnasium. Dies erregte großes Aufsehen, denn damals passte es noch gar nicht in die Zeit, dass eine Frau ein Studium aufnehmen wollte.

Oberstudienrat Dillmann, ein Lehrer des besagten Gymnasiums, soll damals entsetzt ausgerufen haben:
„Eine Gräfin, ein Fräulein Maria von Linden, will die Abiturientenprüfung machen! Das ist noch nie da gewesen und wird voraussichtlich auch nicht so bald wiederkehren!" Er sollte nicht recht behalten, denn schon im Jahre 1899 wurde in Stuttgart ein Mädchen­gymnasium eröffnet, Das Fräulein Maria bestand ihre Prüfung, nachdem sie schon vorher mit einer wissenschaftlichen Untersuchung über „die Industrienkalke der Hürbe" hervorgetreten war. Zunächst verbrachte die Gräfin einige Zeit im Hause des Heidenheimer Oberamtmanns Filser, den sie als liebenswürdige und kluge Persön­lichkeit schätzte. Dieser hatte sich große Verdienste um die Landwirtschaft erworben und war mit dem Vater und dem Bruder der Gräfin der Meinung, sie solle Landwirtschaft studieren, damit sie später das Gut in Burgberg bewirt­schaften könne. Jedoch Maria sah ihre Lebensaufgabe darin, sich der Wissenschaft zu widmen, „wozu auch einzelne weibliche Individuen berufen und von dieser Aufgabe nicht ausgeschlossen sind", wie sie sich selbst ausdrückte. Die Bestimmung des Weibes in der breiten Masse sei es ganz gewiss, die Menschheit fortzu­pflanzen. Jedoch gebe es für weibliche wie männliche Personen auch eine höhere Pflicht und Berufung. Mit solcher Begründung machte sie ihre Lebensaufgabe klar. Sie dachte nicht im geringsten an eine (standesgemäße) Heirat.

Ende Oktober 1892 erhielt Gräfin Maria ihre Zulassung an der Universität Tübingen. Damit war sie die erste und für lange Zeit die einzige Tübinger Studentin der Mathematik und Naturwissen­schaften. Später trat sie auch in die medizinische Fakultät ein und durfte bei Professor Theodor Eimer in seinem zoologischen Laboratorium arbeiten. Am 5. August 1895 promovierte sie nach bestandener Prüfung zum „Doctor rerum naturalium". Das Thema ihrer Disser­tation lautete:
„Die Entwicklung der Skulptur und der Zeichnung bei den Gehäuse­schnecken des Meeres." Die Arbeit wurde ein Jahr später in Leipzig gedruckt.

Im Jahr 1899 - nach dem Tod ihres Professors - erhielt die Gräfin Maria an der Universität Bonn eine Assisten­tenstelle und wurde dort 1910 vom preußischen Kultusminister zur Titular-professorin ernannt. Diesen Titel hatte sie als erste deutsche Frau inne. Sie durfte jedoch nur forschen, aber nicht lehren, denn letzteres war damals noch keiner Frau erlaubt. Ihre Abhandlungen erschienen in zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften. Sie befasste sich mit dem Parasitismus im Tierreich (1895), machte Experimentalforschungen zur „Chemotherapie der Tuberkulose" (1920) und beschäftigte sich mit der Bekämpfung verschiedener Krankheiten bei Mensch und Tier.

Von 1926 an stand die Professorin in Verbindung mit der Paul-Hartmann AG in Mergelstetten. Ihr Bestreben war, einer heimatlichen Firma die Auswertung ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit zu übertragen. Nach den von ihr entwickelten Verfahren hat der Betrieb Patente angemeldet und genehmigt bekommen. Ein jähes Ende ihrer Universitäts­laufbahn setzte das Jahr 1933. Da sie den Nationalsozialisten nicht genehm war, wurde ihr die Professur entzogen.

Die Beziehung zu ihrer Heimat hat die Professorin nie aufgegeben. „Die Gräfin ist auch wieder da", konnte man in Burgberg oft sagen hören, wenn diese in der Ferienzeit gesichtet wurde. Ältere Leute erinnern sich noch sehr wohl an sie, wie sie leicht zu erkennen war an ihrem dunklen Hut mit großem Rand, wenn sie die sonntägliche Messe besuchte und in der Grafenloge im Chorraum der früheren Kirche Platz genommen hatte. Auch lud sie einst die Dorfkinder einmal im Jahr auf das Schloss zu Kakao und Gebäck ein.
Damit setzte sie eine Tradition fort, die schon ihre Vorfahren gepflegt hatten. Im Jahre 1926 wurde Gräfin Maria von Linden Haupterbin des Schlossgutes, nachdem ihr Vetter Edmund Graf von Linden als letzter männlicher Vertreter der Burgberger Linie verstorben war. Die Professorin machte ihr Erbrecht geltend, musste jedoch hohe Prozesskosten und eine Abfindungssumme an Verwandte aufbringen. Sie sah sich deshalb schweren Herzens gezwungen, das Gut samt Schloss zu veräußern.

Das rund 400 Morgen zählende Gut wurde 1936 von Friedrich Wemmer erworben und ist nach mehrmaligem Verkauf heute im Besitz der Familie Badmann.

Gräfin Maria von Linden, Enkelin des ersten Grafen (Edmund) von Linden und letzte Vertreterin der Burgberger gräflichen Linie, zog sich in ihre neue Wahlheimat Schaan bei Vaduz im selbständigen Fürstentum Liechtenstein zurück, wo sie eine Villa besaß. Dort starb sie - 67jährig - an einer Lungenentzündung und wurde auch in diesem Ort beerdigt.


Maria Gräfin von Linden


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Schloss Burgberg

Quellen und Literatur:
Sonderdruck aus „Tribus" (Veröffentlichungen des Lindenmuseums Nr. 24, Nov. 1975)

Pfarrchronik und Chronik der Schulschwestern in Burgberg
Verschiedene Adels- und Wappenbücher in der slädt. Archivbücherei Ulm

Bericht von Gabriele von Koenig-Warthausen:

„Die erste Studentin in Tübingen"

Grab-Inschriften auf dem Friedhof Burgberg Mündliche Überlieferung  


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